Hunderttausend Fragen zum Dao 49 / 51
Ein Frühstück in der Herberge verwandelte einen Gast in einen Esel

Nach der zweiten Nachtwache schliefen alle Gäste in der Herberge an der Banqiao-Brücke, nur Zhao Jihe war noch wach. Aus dem Nachbarzimmer drang ein leises Rascheln. Durch einen Spalt in der Wand sah er, wie die Wirtin eine Kerze anzündete und eine Truhe öffnete.
Darin lagen winzige landwirtschaftliche Geräte sowie ein hölzerner Mensch und ein hölzerner Ochse. Frau San nahm sie heraus.
1. In der Herberge von Banqiao gab es billige Reittiere
Die Geschichte steht im 286. Kapitel des Taiping guangji und stammt aus dem Werk He Dong ji aus der Tang-Zeit. Die Herberge lag westlich von Bianzhou. Ihre Wirtin, eine über dreißigjährige Witwe, hieß San niangzi, Frau San.
Sie hatte weder Kinder noch Verwandte an ihrer Seite und führte allein einige Zimmer, in denen sie Reisende aufnahm. Das Haus verkaufte Mahlzeiten; Frau San war recht wohlhabend und hielt besonders viele Esel. Wenn Gästen ein Reittier fehlte, stellte sie ihnen eines zu einem niedrigen Preis zur Verfügung. So galt sie als hilfsbereite Frau.
Während der Yuanhe-Ära war Zhao Jihe aus Xuzhou auf dem Weg nach Luoyang, das damals Dongdu hieß. Am Abend suchte er eine Unterkunft. Sechs oder sieben Gäste waren schon da; als Letzter bekam er eine Liege im hinteren Teil, unmittelbar neben dem Zimmer der Wirtin.
Frau San bewirtete die Gäste herzlich und brachte Wein und Speisen. Zhao Jihe trank gewöhnlich keinen Alkohol und blieb bei den anderen sitzen, um sich zu unterhalten. Als die übrigen Gäste schließlich betrunken oder erschöpft einschliefen, hörte er Geräusche aus dem Nachbarzimmer.
2. Auf einem Stück Boden entstand ein ganzes Frühstück
Der hölzerne Ochse und der hölzerne Mensch waren nur sechs oder sieben Cun groß. Frau San stellte sie mit den Geräten vor den Herd, nahm einen Schluck Wasser und spritzte ihn auf sie.
Der hölzerne Mensch erwachte zum Leben, spannte den Ochsen an und pflügte vor dem Bett ein Stück Land von der Größe einer Matte. Frau San gab ihm Buchweizensamen, die er aussäte. Auf dem kleinen Feld wuchsen bald Keime, dann blühten die Pflanzen und trugen Körner.
Danach folgten Ernte und Dreschen. Im Handumdrehen waren sieben oder acht Sheng Buchweizen zusammengekommen. Frau San holte eine kleine Mühle, mahlte die frisch geernteten Körner zu Mehl, nahm den hölzernen Menschen und den Ochsen zurück und machte selbst einige Fladen daraus.
Vom Säen bis zum Backen drängten sich Arbeiten, die sonst Jahreszeiten und viel Arbeitskraft erfordert hätten, in einer einzigen Nacht in diesem Zimmer zusammen. Zhao Jihe beobachtete die ganze Abfolge durch die Wand.
Kurz vor Tagesanbruch brachte Frau San den Gästen, die aufbrechen wollten, die Fladen. Zhao Jihe hatte Verdacht geschöpft, lehnte höflich ab und ging zuerst hinaus. Weg war er jedoch nicht; er versteckte sich vor der Tür und beobachtete weiter.
Die Gäste aßen die Fladen und fielen plötzlich alle zu Boden. Sie begannen wie Esel zu schreien und verwandelten sich im Nu in solche. Frau San trieb sie in den hinteren Hof und nahm ihr Gepäck und ihre Wertsachen an sich. Versteckt vor der Tür sah Zhao Jihe alles mit eigenen Augen.
3. Zhao Jihe tauschte einen Fladen aus
Nachdem Zhao Jihe entkommen war, erzählte er niemandem davon. Das He Dong ji schreibt, er habe „insgeheim ihre Kunst bewundert“: Ihn beschäftigte Frau Sans besondere Kunstfertigkeit.
Etwas mehr als einen Monat später kam Zhao Jihe auf dem Rückweg wieder nach Banqiao. Er hatte zuvor Buchweizenfladen gebacken, die genauso groß und geformt waren wie die, die er damals gesehen hatte. Diesmal war er der einzige Gast im Haus.
In der Nacht sah er erneut, wie Frau San den hölzernen Menschen und den Ochsen arbeiten ließ, Buchweizen anbaute, das Korn mahlte und Fladen buk. Am Morgen brachte sie ihm Gebäck und ging kurz fort, um etwas zu holen. Da tauschte Zhao Jihe einen seiner eigenen Fladen gegen einen auf dem Teller aus.
Als Frau San zurückkam, sagte er, er habe eigene Wegzehrung mitgebracht; sie solle die Fladen für andere Gäste aufheben. Er aß seinen eigenen Fladen und reichte ihr dann den, den er eben ausgetauscht hatte, damit sie ihn probiere.
Frau San aß davon und verwandelte sich sofort in eine kräftige Eselin. Zhao Jihe nahm sie mit und dazu den hölzernen Menschen, den Ochsen und die ganzen Geräte.
Doch erst mit den Geräten vor sich merkte Zhao Jihe, dass er trotz zweimaligen Beobachtens nicht wusste, wie man sie bediente. Er probierte es immer wieder, aber die Holzfiguren blieben reglos.
Er hatte die Werkzeuge an sich genommen, aber nicht die Kunst erlernt; dafür bekam er eine Eselin, die er reiten konnte. Frau San legte hundert Li am Tag zurück. Vier Jahre lang ritt Zhao Jihe auf ihr umher.
4. Vier Jahre später sprach jemand ihren Namen aus
Vier Jahre später zog Zhao Jihe durch den Pass. Fünf oder sechs Li östlich des Huayue-Tempels begegnete er einem alten Mann. Als dieser die Eselin sah, klatschte er in die Hände und rief: „Frau San aus Banqiao, wie sind Sie in diese Gestalt geraten?“
Dann wandte er sich an Zhao Jihe: „Sie hat gewiss Fehler begangen, aber was Sie ihr angetan haben, ist wahrlich zu hart!“ Er bat Zhao Jihe, Frau San von nun an in Ruhe zu lassen.
Daraufhin riss der Alte mit den Händen den Mund und die Nase des Esels auf. Frau San sprang aus der Eselshaut und nahm wieder menschliche Gestalt an. Sie verbeugte sich dankbar vor dem Alten und ging fort; niemand wusste, wohin sie ging.