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Zwischen mir und allen Dingen · 25 / 30

Wenn ich dich nicht mehr liebe

Wenn ich dich nicht mehr liebe · Illustration

Wenn ich dich liebe,bist du eine der wenigen Ausnahmen dieses Lebens.Wenn ich dich nicht mehr liebe,ist alles Gesagte keinen Pfennig wert.

Solange ich noch liebe,bist du der Name, den ich tief in der Nacht wieder und wieder durchkaue.Wenn ich nicht liebe,brauchst du mir nichts von dir mitzuteilen.

Sind nicht alle Menschen so:nach wiederholter Gewissheit wieder Zweifel.Sind nicht alle Menschen so:nach langem durchgestandenem Warten doch aufgeben.

Die Menschen sind eben alle so,machen Zuneigung zu Jetons, mit denen sie handeln,geben ihre Wünsche als Gründe ausund geben schließlich dir die Schuld an jeder Enttäuschung.

Auch unsere Herzen verstanden sich ohne Worte,selbst ein Schweigen konnten wir aufeinander abstimmen.Damals glaubten wir tatsächlich——Verstehen sei Zuflucht,Ähnlichkeit könne jeden Unterschied abwehren.

Erst später begriffen wir:Was wir Einverständnis nannten,war nur die Suchenach uns selbst im Gegenüber.

Bis der Filter in tausend Scherben lag:Du sahst meinen Eigennutz und mein Ausweichen,ich sah dein Kalkül und dein Zögern.

Von der Freude des ersten Blicks zum gegenseitigen Überdrussliegt nur der Augenblick des Erwachens aus einem Traum.Gestern noch das Einzige,heute schon überflüssig,nur eine Drehung des Körpers entfernt.

Wir sind doch bloß gewöhnliche Menschen.

Liebend erheben wir unser Gegenüber zur Gottheit,wenn wir nicht mehr lieben, verbannen wir es in die Einöde.Zwischen den Extremen wandern wir hin und her,gestehen uns aber selten ein——Was sich wirklich ändert,ist nicht unbedingt unser Gegenüber,sondern dieses bisschenschwankende Erwartung und Eigennutz im eigenen Herzen.

Wie könnte ich dir einen Vorwurf machen?

In diesem Spiel der dualen Gegensätzekannst du nicht einmal vollständig selbst über dich bestimmen.Angst treibt uns,Mangel codiert uns,Begehren legt unsere Standardvoraussetzungen fest.

Wenn ich dich für kostbar halte,brauche vielleicht nur ich selbst einen Sinn.Wenn ich vom Aufgeben spreche,ist vielleicht nur mein Stolz am Werk.

Was Verletzung heißt,ist zwischen zwei Betriebssystemennur eine unvereinbare Fehlübersetzung.

Was Abkehr heißt,ist zwischen zwei Wertemodellennur eine Verschiebung, die nicht lauffähig ist.

Sollte ich eines Tages wieder von Wertschätzung sprechen,möge sie keine Spur von Besitzanspruch mehr tragen.

Sollten wir eines Tages beide auseinanderbrechen,brauchen wir einander auch nicht herabzusetzen.

Anerkennen, dass jener Glanz und jene Verwüstungbeides Spuren unseres gemeinsam gegangenen Weges sindund auch eine abgeschlossene Aufgabe.

Die menschliche Natur probtzwischen diesem Auf und Ab immer wieder,zwischen Lieben und Nichtliebenzerlegt sie sich selbst.

Es geht nur darum, in BeziehungenStück für Stückzu lernen, ehrlich hinzusehen.

Wir sind keine verfeindeten Einzelwesen,nur unter demselben SystemTräger verschiedener Versionen.

Wenn das Festhalten weicht,wenn wir aus unseren Rollen treten,sind du und ichnur

in der Matrix von Ursache und Wirkungkurz aufgeflammt,

um uns dann neuzu definieren.

Text und Illustrationen wurden von Shixi Lin geschaffen. Eine Vervielfältigung oder Nutzung bedarf der vorherigen Genehmigung der Urheberin; ihr Name und die Quelle sind anzugeben. Bei Rechtsverletzungen wird die Urheberin rechtliche Schritte einleiten.